Glossar des THZN

 

Traumafachbegriffe

 

 

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Mentalisierung
Mentalisierung bedeutet, eine Vorstellung davon zu besitzen, welche geistigen (mentalen), also gedanklichen Gründe für das Verhalten eines Menschen vorliegen könnten. Es umfasst die Fähigkeit, in anderen Menschen ebenso wie bei sich selbst Wünsche, Gedanken und Überzeugungen zu vermuten, also mentale Vorgänge zu sehen, die dem Handeln zugrunde liegen. Ebenso ist es möglich, sich selbst zu mentalisieren, also reflexiv zu erfassen, welche Umstände und Erfahrungen in der Vergangenheit und Gegenwart zu den jetzigen Wünschen, Gedanken und Überzeugungen geführt haben. Um diese Fähigkeit zu entwickeln, ist es notwendig, ein Verständnis der Natur des Mentalen zu haben. Dies umfasst das Wissen, dass die Realität im Geist lediglich repräsentiert (abgebildet) wird, die Gedanken der realen Welt im Allgemeinen aber nicht exakt entsprechen.

 

Mentalisieren bedeutet, eigene und fremde Handlungen auf Wünsche, Bedürfnisse, Absichten, Erwartungen und Meinungen von anderen, aber auch von sich selbst zurückzuführen. Beispiele: Öffnet eine Person ein Fenster, so tut sie das, weil sie den Wunsch nach frischer Luft hat; sie lächelt, da sie sich freut; oder sie zeigt auf ein Objekt, da sie die Aufmerksamkeit auf dieses lenken möchte. Es gehört zum Alltag, diese mentalen Zustände bei anderen als Ursache von Handlungen zu betrachten.

 

Mentalisieren dient

  • der Orientierung und Kontrolle bei jeder Art interpersoneller Kommunikation und Beziehungsgestaltung
  • der eigenen Emotions- und Selbstregulation
  • dem Erwerb einer größeren emotionalen und sozialen Kompetenz.

 

Die Fähigkeit zu mentalisieren entwickelt sich in der frühen Kindheit im Rahmen der primären Bindungserfahrungen. Unter Stressbedingungen, d. h. insbesondere in traumatisierenden Situationen, sind die Mentalisierungsfähigkeiten eingeschränkt.

 

 

 

Modell der Strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit

(-> Strukturelle Dissoziation)

Dieser Ansatz geht zurück auf Pierre Janet und Charles Myers. Er wurde in den 90iger Jahren von einer niederländischen Arbeitsgruppe (Ellert Nijenhuis, Onno van der Haart und Kathy Steele) neu konzipiert, wissenschaftlich untersucht und erweitert.

Das Modell geht davon aus, dass im Moment der traumatischen Erschütterung eine eingreifende Veränderung der Organisation und Struktur der Persönlichkeit vor sich geht.   Es kommt zur Auftrennung in mindestens zwei Anteile der Persönlichkeit, die in einem gewissen Umfang eigenständig funktionieren.  Sie können als Subsysteme der Persönlichkeit so weitgehend voneinander abgeschottet sein, dass deren Verbindungen nach außen hin unkenntlich sind, der Mensch also entweder ganz in einem oder in dem anderen Zustand funktioniert.

Ein Anteil versucht sich an die Erfordernisse der Umgebung anzupassen, führt die Handlungen so fort, als ob die traumatische Erschütterung nicht geschehen wäre.  Er verhält sich überangepasst normal, wird daher der „anscheinend normale Anteil der Persönlichkeit“ genannt (ANP= apparently normal part of the personality). Er verkörpert v.a. das „Prinzip Ignoranz“, vermeidet die Wahrnehmung der Verletzung und den emotionalen Aufruhr.

Der „emotionale Anteil der Persönlichkeit“ (EP= emotional part of the personality) dagegen trägt die Wucht der Verletzung, die damit verbundenen Wahrnehmungen, Emotionen, Gedanken und Handlungsschemata. Neben einem solchen fragilen emotionalen Anteil (EPfragil), bildet sich häufig noch ein weiterer emotionaler Anteil aus, der versucht inneren Schaden zu begrenzen, unverträglichen defensiven Handlungen etwas entgegen zu setzen und aus der vernichtenden Ohnmacht einen Ausweg zu finden. Er verkörpert das Prinzip „Kontrolle“ und wird auch EP Kontrolle genannt. Zu ihm gehören neben der gegen andere gerichteten Aggression häufig auch die selbstbeschädigenden Handlungen (-> täterloyale bzw. täterimitierende Persönlichkeitsanteile).

Die drei Inneren Anteile der Persönlichkeit verkörpern damit zunächst die drei Hauptprinzipien des traumatischen Prozesses – Ignoranz - Fragilität - Kontrolle.

Viele Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung lassen sich dadurch erklären, dass der emotionale Anteil in das gegenwärtige Alltagserleben des Betroffenen eindringt, während der anscheinend normale Anteil versucht, die traumatische Erschütterung und ihre Folgen zu ignorieren.

Finden sich, wie häufig in der Folge eines traumatisierenden Einzelereignisses, die zwei bis drei oben genannten Anteile, so wird dies als die primäre Form der strukturellen Dissoziation bezeichnet.

Die emotionalen Anteile können sich weiter unterteilen in Träger verschiedener emotionaler Erfahrungen und Handlungen (so z.B. für Kampf, Aufgeben und Gefügigkeit, Spiel).  Diese innere Organisation findet insbesondere bei verschiedenen Formen der Entwicklungstraumatisierung, wenn also traumatische Einflüsse über einen längeren Zeitraum Kinder und Jugendliche erfassen. Sie wird als die sekundäre Form der strukturellen Dissoziation bezeichnet.

Bei der tertiären Form der strukturellen Dissoziation erscheinen mehrere „anscheinend normale alltagsbezogene Anteile der Persönlichkeit“ (ANP), die für die verschiedenen Aufgaben des Alltags in ihren Handlungen abwechselnd zuständig werden. Bei dieser hochkomplexen Form der inneren Auftrennung der Persönlichkeit finden sich sowohl mehrere emotionale Anteile wie auch mehrere anscheinend normale Anteile. Diese tertiäre Form entspricht klinisch der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Diese bildet sich gerade dann aus, wenn der Alltag eines kleinen Kindes von absolut gegensätzlichen Anforderungen durchzogen ist, die miteinander in keiner Weise mehr in Einklang gebracht werden können. Die Anteile versuchen, jedes nach seinem Selbst- und Weltverständnis, die bestmögliche Überlebensanpassung.

S.a. Nijenhuis, E.; van der Hart, O.; Steele, K.: Das verfolgte Selbst, Junfermann Verlag

 

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